Selbstporträt am Telefon by Wiktoria Goryńska - 1930 - 35,5 x 20 cm Private Sammlung Selbstporträt am Telefon by Wiktoria Goryńska - 1930 - 35,5 x 20 cm Private Sammlung

Selbstporträt am Telefon

Holzstich • 35,5 x 20 cm

  • Wiktoria Goryńska - 6. Juli 1902 - 29. März 1945 Wiktoria Goryńska

    1930

Wiktoria Goryńska (1902–1945) war eine der herausragendsten Vertreterinnen der Warschauer Holzschnittschule während der Zwischenkriegszeit. Geboren und aufgewachsen in Wien, verbrachte sie ihre Kindheit im Vereinigten Königreich und studierte in Wien und Warschau. 

Der bekannteste Holzschnitt Goryńskas, Selbstportrait mit Telefon, zeigt die Künstlerin in einem Norwegerpullover mit V-Ausschnitt, wie sie einen Telefonhörer in der einen und einen Stift in der anderen Hand hält. Diese Kombination aus Gegenständen suggeriert, dass sie eine unabhängige und eigenständige Berufstätige war, ohne den Bedarf männlicher Unterstützung. Das Telefon, das sie von ihrem Zeichenbrett fernhält, könnte mit ihrer Arbeit, sozialen Aktivitäten oder sogar Sport im Zusammenhang stehen. Sie ist eindeutig eine Frau, die sich in vielen Lebensbereichen betätigt. Von Goryńskas Liebesleben ist nichts bekannt – es scheint, als sei sie nie eine andauernde Beziehung eingegangen. Ihre tiefe Zuneigung zu Tieren, insbesondere Katzen, scheint das Fehlen einer persönlichen Beziehung kompensiert zu haben.

Dieses moderne Bild einer aktiven, unabhängigen Frau reflektiert nicht die gängige Vorstellung von „Frauenkunst” aus der Zwischenkriegszeit, die sich auf Themen wie Mode oder Natur konzentriert, sondern bildet stattdessen die aufstrebende emanzipierte Frau ab. Gleichzeitig war Goryńska auch eine hingebungsvolle Tochter, wie die Portraits ihrer Eltern andeuten, und eine bekennende Patriotin. Sie distanzierte sich nicht vom Familienleben und ihre Weltansicht erscheint eher konservativ als progressiv, obwohl sie Frauen ermutigte, sich an sportlichen Aktivitäten zu beteiligen, darunter auch die ungewöhnliche Disziplin des Fechtens. 

Während des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Polens durch die Nazis war sie im Widerstand aktiv. Nachdem der Warschauer Aufstand gescheitert war, wurde sie zunächst in ein Durchgangslager und dann in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie schließlich verstarb.

PS: Holzschnitte des 20. Jahrhunderts haben etwas Magisches an sich; sie sehen sowohl modern als auch häufig mysteriös aus. Trete ein in die faszinierende schwarz-weiße Welt von Felix Vallottons Drucken!