Literatur fand oft ihren Weg in Paul Klees Kunst, und Persische Nachtigallen wurde wahrscheinlich von der Dichtung des persischen Dichters Hafiz aus dem 14. Jahrhundert inspiriert. Klee könnte Hafiz durch Johann Wolfgang von Goethes Gedichtsammlung West-östlicher Divan kennengelernt haben, die den persischen Dichter und seine Bildwelt einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machte.
Hafiz’ Dichtung feiert Liebe, Wein, Schönheit und die natürliche Welt und wechselt oft mühelos zwischen irdischer Begierde und spiritueller Sehnsucht. Zu seinen wiederkehrenden Symbolen gehören die Nachtigall und die Rose: Die Nachtigall steht für den sehnsüchtigen Liebenden, während die Rose perfekte, ja göttliche Schönheit verkörpern kann. Klee führt beide Motive in seinem Aquarell zusammen. Eine rosa Rose erscheint links unten, während drei seltsame, scharf gezeichnete Nachtigallen die Mitte dominieren. Eine ist sogar auf den Kopf gestellt, als wäre sie buchstäblich vom Verlangen berauscht.
Klee spielt auch mit der Sprache selbst. Die Buchstaben R und N, die wahrscheinlich für Rose und Nachtigallen stehen, werden Teil des Bildes statt bloßer Beschriftung. Sie schweben neben den Vögeln, Sternen, Mondsicheln und anderen himmlischen Formen und teilen alle denselben traumartigen Raum.
Das Werk offenbart auch Klees Faszination für persische Miniaturmalerei. Seine juwelenartigen Farben, die zarte Ornamentik, die Missachtung konventioneller Perspektive und die spielerischen Maßstabsveränderungen erinnern an persische Manuskriptillustrationen. Sogar die Komposition, die sich wie durch einen Bogen oder auseinandergezogene Vorhänge zu öffnen scheint, deutet auf das intime Format einer Miniatur hin. Klee hatte viele Gelegenheiten, persischer Kunst in deutschen Museen zu begegnen, und er sah mit Sicherheit die große Ausstellung islamischer Kunst 1910 in München, die Tausende von Objekten zeigte und einen besonders starken Eindruck auf zeitgenössische Künstler*innen machte, darunter auch seinen Freund Wassily Kandinsky.
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