Während der Jahre, in denen er in Krakau lebte, verbrachte Witold Wojtkiewicz einen Großteil seiner Zeit im Zuhause von Stanisław und Eliza Pareński. Dort lernte er auch ihre Töchter kennen: Maryna, Zofia und Elliza (von der Familie Liza genannt). Die intelligenten, belesenen und etwas exzentrischen Schwestern wurden zu gefeierten Musen der Kunstgruppe Junges Polen und wurden sowohl in der Literatur als auch in der Malerei verewigt.
Liza Pareńska war selbst eine fragile und gequälte Persönlichkeit. Schüchtern, sensibel und emotional instabil litt sie schon von klein auf unter Angststörungen und begann daher, Alkohol und Morphium zu konsumieren. Im Jahr 1910 heiratete sie den Dichter Edward Leszczyński; beide waren psychologisch labil und lebten in einer exklusiven, abgeschotteten Welt künstlerischer Empfindsamkeit. Mit der Zeit wandte Liza sich stärkeren Drogen zu, die ihre Angst und Depression allerdings nur verschlimmerten. Im Alter von 35 Jahren beging sie Suizid.
Im Porträt von Liza Pareńska offenbart Wojtkiewicz seine poetischste und sensibelste Seite. Es ist nichts zu sehen von der Ironie und dem grotesken Ton, die häufig in seinen Werken aus dieser Zeit zu finden sind. Obwohl Liza als die schönste der Schwestern galt, meidet das Porträt ihre Idealisierung. Ihr Gesicht – eher faszinierend als konventionell schön – trägt einen ruhigen Ausdruck der Melancholie und Reflexion. Ihr Blick ist von den Betrachtenden abgewandt, den Augenkontakt vermeidend, und suggeriert ein Gefühl inneren Rückzugs, als ob sie in ihre eigene private Welt vertieft sei.
Das Licht verstärkt diese Stimmung: Von der rechten Seite beleuchtet das warme Licht einer Lampe ihren Nacken und die Blumen in ihrem Haar, während ihr Gesicht teilweise im Schatten bleibt. Die gedämpfte, lyrische Atmosphäre wird von der zarten Palette von Gelb-, Rot- und Orangetönen unterstrichen. Gegen diese warmen Töne hebt sich das weiße Kleid ab, das mit dezenten Andeutungen von Rosa, Blau und Violett schimmert. Der locker skizzierte Hintergrund und die Kleidung leiten die Aufmerksamkeit auf das Gesicht des Modells, das mit sanften, feinfühligen Pinselstrichen abgebildet ist. Ihr Haar, hochgesteckt und mit Blumen geschmückt, verleiht dem 18-jährigen Mädchen Charme und eine stille Würde und betont damit ihre himmlische Weiblichkeit.
PS: Das Junge Polen war eine der kreativsten Perioden der polnischen Kunstgeschichte. Lerne Stanisław Wyspiański kennen — ein Genie des Jugendstils aus Polen!