Mit nur 21 Jahren, frisch von der Kunstschule in Karlsruhe, reichte ein Student sein erstes großes Ölgemälde bei der Ausstellung der Berliner Königlichen Akademie ein – und gab ihm einen Titel, der ganz bewusst ein bissiger Witz war. Der Titel dieses Werks, Spaziergänger, ist ironisch gemeint: Nichts an dieser Szene ähnelt einem angenehmen Spaziergang.
Ein gut gekleideter junger Mann in einem Bowlerhut hat buchstäblich den Rücken gegen die Wand – eine lange, grell rote Ziegelsteinmauer, die die Komposition in zwei Hälften schneidet und jede Sicht auf den Horizont versperrt. Er ist von einer Gang von Schlägern in die Ecke gedrängt worden, und in seiner Not hat er einen Revolver gezogen: damals eine auffallend moderne, deutlich amerikanische Waffe, die ihren Weg in eine europäische Genreszene gefunden hat. Das Gemälde zirkulierte auch unter alternativen Titeln: Der Überfall und, als Klinger es beim Pariser Salon einreichen wollte, Cerné („Umzingelt“). Jeder Titel enthüllte ein wenig mehr vom eigentlichen Thema des Bildes: nackte Angst in einer ausweglosen Situation.
Die Umgebung selbst ist aufschlussreich. Dies ist nicht die Stadt selbst, sondern ihr zerfetzter Rand. Ehemaliges Farmland, das während des Gründerjahre-Booms (des rapiden Industrialisierungs- und Wirtschaftsbooms in Deutschland und Österreich im 19. Jahrhundert, speziell nach der Einigung Deutschlands 1871) von Bodenspekulation verschlungen wurde. Land, das bereits vernarbt war, bevor überhaupt etwas darauf gebaut worden war. Klinger lässt den Raum zwischen den Figuren weit und leer, gestreckt durch ein ungewöhnlich langes Leinwandformat und lange, harte Schatten.
Klinger sollte später vor allem durch seine Radierungen (besonders die zehnteilige Serie Paraphrase über das Auffinden eines Handschuhs) und später durch die Bildhauerei berühmt werden, die in seinem Beethoven-Denkmal auf der Wiener Secession 1902 gipfelte.
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Max Klinger